Über die Universität

Was ist eine Universität? Wozu braucht man Universitäten? Und was tun Studenten nach ihrem Abschluss?
Diese Fragen habe ich mir gestellt – sowohl im Allgemeinen, als auch im Speziellen auf mich selbst bezogen. Ich meine, ich studiere an einer Universität, also an einer von den typischen Unis, so mit Gebäuden, Menschen, überfüllten Hörsälen, leerer werdenden Seminarräumen und Bibliotheken mit Büchern aus Papier. Ich studiere nicht den finanziell aussichtsreichsten Studiengang, der sich mit deutscher Sprache und Literatur befasst und, davon bin ich überzeugt, auch mit Geschichte, Philosophie, Soziologie, Medientheorie, irgendwie auch mit Moral, Empathie und all den buchstäblich unfassbaren Nuancen des menschlichen Lebens, die sich nicht unbedingt physisch in der Welt manifestieren, aber deren Konsequenzen sichtbar werden und unser Leben täglich gestalten, manchmal zu Missverständnissen führen, manchmal Revolutionen mit sich bringen, manchmal Kriege vom Zaun brechen oder Frieden herstellen, manchmal für ziemlich viel Verwirrung sorgen – und ja, auch ich bin stets immer wieder verwirrt in Anbetracht meiner Studieninhalte, gestellter Fragen von Dozenten, der Redebeiträge Studierender oder eines grauenvoll verschachtelt geschriebenen Satzes, den ich zum fünften Mal lesen muss, um ihn immer noch nicht zu verstehen.

Verwirrung klingt zunächst eher negativ: hast dich wohl verlaufen, musste wohl zurückfinden. Aber ist es nicht so, dass, wenn man sich verirrt in einer ungewohnten Umgebung, man diese Umgebung völlig neu erschließt für sich? Im Moment der Verwirrung ist es lediglich wichtig, nicht in Panik zu verfallen, sondern sich umzusehen und die Augen offen zu halten. Vielleicht muss man einfach durch diese hohle Gasse gehen, um wieder bekannte Straßen zu sehen. Naja, genug der Überlebenstechnik und schließlich geht es hier nicht darum, wie man sich verhält, wenn man sich in einer unbekannten Stadt verlaufen hat.

Wo war ich? Genau, ich wollte darauf hinaus, dass ich nicht mehr und nicht weniger als Geschichten studiere, also so typische Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Ende, aus geschriebener Sprache, in Büchern aus Papier, mit fiktiven Charakteren und einem Erzähler, naja, manchmal auch mit mehreren oder sogar gar keinem Erzähler. Manchmal sind diese Geschichten Romane, manchmal Lyrik, manchmal Epen, manchmal in der Tat Forschungsliteratur oder Manifeste. Achja, manchmal sind die Geschichten, die ich studiere, auch eher untypisch und (noch) nicht zwischen zwei Buchdeckeln eingebettet, wo sie von Germanisten ruhigen Gewissens analysiert werden können. Manchmal sind diese Geschichten intersubjektive und fiktive Entitäten wie Geld, Apple, Universität. Manchmal heißen sie Liberalismus, Kommunismus, Menschenrecht, Gott, manchmal auch „Ich lebe in einer glücklichen Ehe“, oder „Ich studiere Germanistik, um dann einmal viel Geld zu verdienen.“

Ich bin also eine von, naja, nicht ganz so vielen, die an einer physisch vorhandenen Uni aus Gebäuden Literaturwissenschaften im Master studiert – altmodischer geht es fast nicht. Wieso studiere ich also an einer Universität? Und vor allem, was mache ich nach dem Studium und wie verdiene ich dann Geld? (Der Witz, dass Germanisten mal Taxifahrer werden, funktioniert nicht mehr. Taxifahrer ist ein bedrohter Beruf, der von Google verdrängt wird. Das ist traurig und über sowas macht man keine Witze. Also Ruhe.)
Die Universität also ist in meinem glücklichen Fall tatsächlich noch als Gebäude vorhanden, doch macht es die Uni nicht aus. Es gibt Fernunis, die ohne analogen Campus funktionieren und in Zeiten von Corona wird auch meine Uni mehr ins Digitale verschoben. Es sind also eher die Studenten und die Lehrpersonen, die die Uni ausmachen. Wobei das weit verbreitete Klischee des partywütigen, langschläfrigen, maulfaulen Studenten in der Tat seine Entsprechungen in der Realität hat (ich will mich da gar nicht ausschließen). Sind diese Studenten genauso Teil der Uni, wie die fremdwortgewaltig und in philosophischen Rätseln sprechenden, in intellektuellen Sphären jenseits von Gut und Böse schwebenden, den nie komplett gelesenen Faust in der Hosentasche habenden (ich will mich da gar nicht ausschließen) Studenten? Auf dem Papier sind sie auf jeden Fall alle Studenten. Aber gibt es vielleicht ein Idealtypus eines Studenten, der nicht nur Student ist, weil er sich in irgendeinen Studiengang eingeschrieben hat, um „erstmal was zu machen“? Schiller hat eine Antwort auf die Frage: es sind die philosophischen Köpfe, für die die Universität da ist – für die er zumindest seine Vorlesung über Universalgeschichte hält. Philosophische Köpfe sind Studenten, die ihr Wissen vervollkommnen und es in Wissenschaft und Kunst für Werte wie Wahrheit und Schönheit einsetzen wollen. Wie ein solcher Student einst Geld verdienen soll, davon ist keine Rede.

Aber schließlich besteht eine Universität nicht nur aus solchen idealistischen Studenten, die nach Erkenntnis streben, sich als Mensch ausbilden wollen und zum Großen und Ganzen der Wissenschaft beitragen wollen, wobei bei mir immer die Alarmglocken läuten, wenn irgendetwas zum Wohle eines „Großen und Ganzen“ getan werden soll. Was genau ist das Große und Ganze der Wissenschaft? Und irre ich mich, oder klingt hier ein Absolutheitsanspruch dieser nicht ganz klar definierten Wissenschaft durch? Im Leben gibt es doch eigentlich mehr, als nur einer vollkommenen Wissenschaft hinterherzujagen? Wie kann etwas absolut sein, was sich in immerwährender Erkenntnis befindet und der steten Gefahr (oder dem steten Segen, je nachdem…) der Revidierung ausgesetzt ist? Oder ist nicht die Wissenschaft absolut, sonder die Erkenntnis diskursiv und stets an die Öffentlichkeit kommuniziert, sodass die Politik auf der wackligen Basis neuer Erkenntnisse versucht, politische Richtlinien zu entwerfen? Die letzten Monate zeigen ja ganz anschaulich, wie der Wissenschaftsdiskurs funktioniert und wie Politiker versuchen, dem gerecht zu werden, was für einige Bürger zu absolut, zu willkürlich ist. Man hole mich vom Holzweg, wenn ich mich verirrt habe.

Schleiermacher redet von zwei Kriterien, die einen Menschen für höhere Bildung qualifizieren. Zum einen muss er ein bestimmtes Talent auf einem „Feld der Erkenntnis“ mitbringen, zum anderen muss er den „Sinn für die Einheit und den durchgängigen Zusammenhang alles Wissens“ haben und über einen „philosophischen Geist“ verfügen. Ein Student also, von der Schulzeit auf ein Studium bereits vorbereitet, ist auf einem Gebiet der Wissenschaft talentiert und kann seine Disziplin in den großen Zusammenhang der Wissenschaft als ganzer einordnen und Querverweise zu anderen Disziplinen herstellen. Denke ich an meine Schulzeit zurück, wäre ich den Kriterien nach wohl in der Biologie gelandet. Es war dann irgendwie nur so ein Bauchgefühl, das mich zur Germanistik und Soziologie trieb.

Die Universität ist also ein Ort der Weitergabe von Wissen und der Erkenntnis; ein Ort der Forschung, deren Ergebnisse in der Lehre vermittelt werden von Dozenten an Studenten. Wieder ist es Schleiermacher, der „das Geschäft der Universität“ darstellt, dass es einem Idealisten warm wird ums Herz: Dem heranwachsenden Wissenschaftler soll an der Uni weniger Wissen, denn der Prozess der Erkenntnis gelehrt werden, wie er, ausgehend von seiner Disziplin, interdisziplinär denkt und dass er schließlich selbst schöpferisch werden soll als Wissenschaftler. Wie Schiller in einem Brief an Humboldt schreibt, zeichnet es den Idealisten aus, dass er die Dinge formt und nicht von ihnen geformt wird. Wissen ist sozial, Erkenntnis ist sozial, Forschung ist sozial und Lehre ist, genau, sozial. Ich bin ja auch überzeugt davon, dass all das den Resonanzkörper einer typischen, aus Gebäude bestehenden Uni und analogen, spürbaren Menschen vor Ort braucht, um lebendig und schöpferisch zu sein. Dass ich altmodisch bin, hatte ich schon erwähnt, oder?

Die Uni ist der Ort, an dem verkatert in einer Vorlesung geschlafen wird, an dem himmelhochtrabend philosophiert wird, an dem Studierende sich im Laufe des Semesters mysteriöserweise in Luft auflösen und über Faust nur wissen, dass dieser Goethe es geschrieben hat, oder? Genauso und vor allem ist die Uni aber ein schöpferischer Ort – eine Werkstatt für Idealisten, die mehr Brainpower darauf verwenden, die Hegel’sche Dialektik oder Schillers Vorlesungen zu lesen, zu analysieren, zu befragen, zu besprechen, zu aktualisieren und zu diskutieren, als darüber nachzudenken, wie sie später Geld verdienen sollen, wie sie systemrelevant genug bleiben, wie sie komplex genug bleiben, um nicht von irgendwelchen KI’s ausgestochen zu werden.

Die Uni ist ein lebendiger Organismus, der, idealtypisch gesprochen, den rauen Stürmen der Bürokratie und vorgeblicher Systemrelevanz trotzt. Aber in Wirklichkeit ist es irgendwie doch ganz anders.
Am Studenten prallen zwei Geschichten aufeinander, die sich nicht ganz vertragen. Die eine Geschichte handelt von ideellen Werten, von Erkenntnis als Selbstzweck, von Idealisten, die die Welt formen, von Goethe, Schiller und Schleiermacher. Die andere Geschichte handelt von Arbeit, Wirtschaftswachstum, von Hartz4-Anträgen, von Überqualifikation und Depressionen. An der Uni wird der Idealist ausgebildet, doch ist der Idealist in der Gesellschaft, außerhalb der Universität, überlebensfähig? Ich bin mir bewusst darüber, dass wenige Genies, die zweifelsohne idealistisch sind, großes Potenzial haben, die Welt zu verändern. Aber was ist mit den anderen Idealisten, die weniger Glück oder Ellenbogen haben? Schließlich kann man nicht ewig studieren – zumindest laut Schleiermacher ist die Phase an der Universität „nur ein Moment, nur ein Akt“, in dem „die Idee des Erkennens, das höchste Bewußtsein der Vernunft, als leitendes Prinzip in dem Menschen aufwacht.“ Ich denke, es braucht schon einige Nervenstärke der Idealisten mit dieser Sensibilität in unserer Welt umzugehen, ohne sarkastisch zu werden und schöpferisch zu bleiben.


„‚Hope‘ is the thing with feathers – / That perches in the soul – / And sings the tune without the words – / And never stops – at all -„


Möge der raue Sturm der großen Welt den Idealisten nicht klein bekommen. Möge der Idealist nicht nur einen Beruf finden, sondern eine Berufung, mit der er sich selbst als Individuum und Teil der Menschheit in einem Kapitel einer langen Geschichte sieht, die er mitgestalten kann. Was ich mal nach der Uni machen möchte? Ich bin noch dabei, das rauszufinden. Aber ich finde, Geschichtenschreiberin klingt erstmal nicht schlecht. Wer Geschichten schreibt, der konstruiert, revidiert, manifestiert seine Visionen einer Welt, die es gegen diese, in der wir leben, zu halten gilt, damit stets ein „Was-wäre-wenn“ existiert, dass Hoffnung gibt und Konsequenzen mit sich führt. (Wie genau ich damit Geld verdiene, muss ich mir noch überlegen.)

Vielleicht hört sich das alles naiv und kindlich an, wenig wissenschaftlich und undifferenziert. Aber ich als Studentin nehme mir diese Freiheit des Noch-nicht-Wissens einfach mal heraus. Letztendlich erzähle ich hiermit auch nur eine Geschichte einer Studentin, die an einer Uni mit Gebäude studiert, in Büchern aus Papier liest und sich über Geschichten wundert, die die Welt im Innersten zusammenhalten, irgendwie.

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