Küchenfenstergärtchen

Das Meer ertrinkt in Plastik, der Welten Lunge brennt. Der Mensch führt weiter Kriege, baut Mauern und verkennt, dass jede Entscheidung, die er fällt, jede Bewegung, die er macht, das fragile Gleichgewicht des Lebens auf eine Probe stellt. Mit Stahl und schwarzem Pulver eroberte der Mensch die Welt, die nun zu Schutt und Asche unter seiner Hybris zerfällt. Die Wüsten trocknen aus, Sahel, das dünne Band, trennt kaum noch die Ödnis vom gottgeweihten Land. Wälder werden gerodet, abgeholzt, verbrannt. An ihrer Statt kommt Weideland und in den Augen großer Konzerne funkeln fette Rinder wie Sterne. Aktivisten ketten sich an Bäume, legen sich auf Schienen, doch haben keine Chance gegen eisernen Maschinen. Wälder werden plattgewalzt und jeder, der dazwischen kommt. Profit und Interessen werden blind und selbstvergessen in den Tod gefolgt. 

Die Wellen spülen Wale an das Land, den Magen voller Plastik. Fische schwimmen mit dem Bauch nach oben und Delphine nehmen Abschied. Auf der Welt ist kein Platz mehr für den ganzen Abfall. Bunt und leuchtend liegt er da, denn er wird nicht abgebaut. Er thront bis in den Himmel, bald müssen wir per Anhalter durch die Galaxis. Vielleicht funkelt unsere Zukunft irgendwo am Firmament, während unsere Heimat hinter uns verbrennt. Dann sind wir alle Emigranten, weil wir die Situation um unsere Erde verkannten. 

Die CO2-Bilanz steigt an, Polkappen schmelzen und auf steigt das Methan. Der Eisbär ist nur noch ein Knochengestell und steht in 50 Jahren in Museen als Fossil. Bienen hören auf zu fliegen, weil sie keinen Nektar finden. Die Arten sterben aus und wer lehrt uns’ren Kindern, dass wir Orang-Utans und Schimpansen kaltblütig ermordeten, obwohl sie unsere Verwandten sind?

Bald ist die Welt nur noch Agrarlandschaft und Wüste, das Ozonloch riesengroß und die Sonne bringt uns Hitze – an der wir sterben, denn es gibt nur noch Extreme. Die Meeresspiegel steigen und der Mensch ist auf der Flucht vor Wasser, was woanders immer knapper wird. Es ist nicht mehr die Politik oder Religion, die den Menschen in die Fremde treibt, sondern das Klima, was keine Absolution erteilt. 

Wo sind wir nur gelandet und wo wollen wir noch hin? Was wurde uns versprochen für eine Welt in Scherben, in der Narren über die Gelehrten herrschen und der Mensch sich selbst vernichtet? Der erste Tag der Schöpfung wird vielleicht der letzte sein: Der Geist der Einsamkeit schwebt über die Erde, denn sie ist wüst und leer. Der Mensch sprach, es werde dunkel – und das Leben gab’s nicht mehr.

Die Welt steht auf Messers Schneide und wir sind die Gewichte auf der Waage. Leider braucht der Mensch Beschäftigung für seinen kleinen Geist, der stets in Richtung gegeneinander weist, sodass er sich entzweit und sein Gegenüber Gegner nennt. Also verteilt er sich auf zwei Schalen, die an Atlas’ Schultern ziehen und jeder Schritt nach vorne könnte in den Abgrund geh’n. Ich hoffe, es ist unsere Schale, die das Gleichgewicht erneuert. In unserer Schale sitzen Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten; Schüler, Lehrer, Journalisten; jeder, der das Leben ehrt und es verteidigt: Du und Ich – wir haben uns vereidigt unserer Existenz den Boden zu erhalten. Du und Ich, wir wollen schützen, was unser Leben hier ermöglicht. 

Schüler gehen auf die Straße und fordern nach Zukunft. Wie weit entfernt ist Bildung von Vernunft, wenn sie sich nicht mit Taten rechtfertigt? Die Theorie braucht Zeit und Schulbänke, doch der Teufel liegt im Detail der Praxis, die als entscheidender Schachzug nach Konsequenzen verlangt. Schulschwänzer investieren in Leben, Lehrplan wird durch Demonstration ersetzt, wir hissen die grüne Flagge und die Hoffnung hat die Segel gesetzt. Politik und Wirtschaft werden an die Wand gestellt, Ignoranz und Habgier vom hohen Ross gestürzt. Unsere Waffen heißen viel und laut – wir rotten uns zusammen, wenn jemand uns die Zukunft klaut und ziehen in den Kampf, den wir eigentlich zusammen ausfechten müssten. Denn der Mensch hat keinen Feind auf dieser Erde und wäre er nicht so selbstvergessen, würde er das wissen. Die Welt ist doch so wunderschön, oder kann nur ich das sehen? Wie kann es sein, dass Gier und Egoismus der Dank sind für das Leben auf diesem wundersam „blauen Planeten, der sich um einen Feuerball dreht, mit nem Mond, der die Meere bewegt“ – das wusste schon Materia. Weiß das auch der Rest der Welt? Kann sich der Mensch erinnern, oder löschte das Geld schon sein Gedächtnis? Also, Erdenkinder dieser Welt, vereinigt euch. Macht einfach eure Augen auf und nehmt euch einen Samenkorn – das Leben ist recyclebar und beginnt von vorn.

Ich stehe im verbrannten Land mit einer Blume in der Hand. Zu meinen Füßen das menschliche Vermächtnis und in meinen Händen Mutter Erdes Gedächtnis. Bald stehen wir gemeinsam in einem Land, mit Blumen in der Erde und nicht in unserer Hand. Zu unseren Füßen Mutter Erdes Vermächtnis und in unseren Köpfen das menschliche Gedächtnis, das uns davor bewahrt den gleichen Fehler erneut zu tun. 

Habe ich Recht oder bin ich zu verklärt? Schwebe ich schon über dem Boden der nüchternen Realität? Wenn ja, dann lasst mich bloß da oben, wo ich vor meinem Küchenfenster ein paar Blumen für die Bienen pflanze und mich freue über deren Flügeltanze. Dort oben werde ich einfach hoffen und gärtnern unverzagt. Holt mich gerne wieder runter, wenn jeder von uns ein Küchenfenstergärtchen hat.

Markiertes Zitat aus „Welt der Wunder“ – Materia

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