Stadtgesicht

Hintergrund zu den beiden folgenden Texten

Ich bin auf einen alten Text von mir gestoßen, der meine Eindrücke von Brüssel beschreibt, wo ich 2015 für eine Weile gelebt habe. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich den Text heute wesentlich anders schreiben würde. Ich kann allerdings nicht in der Zeit zurückreisen und die gleichen ersten Eindrücke nochmal sammeln. Also habe ich auf der Basis des Textes Durch die Straßen von Brüssel und meinen Erinnerungen an die Stadt den neuen Text Stadtgesicht geschrieben, der Elemente des alten Textes aufgreift, ungefähr genauso lang und ähnlich aufgebaut ist.

Der alte Text ist wesentlich konkreter und unmittelbarer, während der neue Text eher abstrakt und allgemein ist. Zusammen ergeben sie, wie ich finde, ein schönes Bild. Aber lest selbst.

Durch die Straßen von Brüssel

(2015 geschrieben)

Ich traue mich gar nicht, meine Augen zu schließen. 

In den Straßen Brüssels verstecken sich so viele verspielte Details, wunderbare Elemente der Überraschung, die das Auge verzücken. Es ist nicht unüblich, in einer, von hohen Fassaden gesäumten, Gasse auf ein Klingelschild zu treffen, aus dem sich blaue und rote Kabel hervorwinden. Grazil geschwungene Eisenstäbe und efeuberankte Mauern lassen schnell einen solchen Makel verzeihen und zeigen einem damit nur einen immer sympathischer werdenden Charakterzug der Stadt. Kindliche Eleganz begegnet dem Zahn der Zeit – und das mit einer Gelassenheit, wie es nur Lebensfreude sein kann.

Eine Busfahrt stellt sich als eine Rundfahrt der Art heraus, bei der man im Nachhinein mehr entdecken will, als man während der Fahrt entdeckt. Hier wird eine Straßeneinfahrt passiert und es offenbart sich einem für einen Bruchteil einer Sekunde ein Blick über Dächer, Schornsteine und einige Baumwipfel, bis hin zu einem Horizont, gesäumt von Kuppeln und Glasbauten. Ehe man mehr erkennt, man es gewagt hat, seine Augen für einen Wimpernschlag zu schließen, ist es vorbei. Etwas anderes fängt den Blick.

Der Gegensatz zwischen stilsicherer Moderne und romantischer Nostalgie, bis hin zum scheinbar lieblos Verkümmerten, spiegelt sich nicht nur in Gebäuden wieder. So viele Menschen kreuzen den eigenen Weg. Ob fein zurechtgemacht, urban gestylt oder im Schlafsack in den Metrostationen. Ich kann noch nicht viel zu ihnen sagen, nur, dass sie mir genauso schnell im Trubel entfliehen, wie sie mir auffielen. 

Ich traue mich gar nicht, meine Augen zu schließen.

Brüssler Häuserwand

Stadtgesicht

(2019 geschrieben)

Ein Stadtgesicht erzählt vom Augenblick vieler Menschenleben, die nie wann anders als nur jetzt in ein Delta fließen und eine Geschichte aller erzählen. Viele Orte zur gleichen Zeit, viele Menschen umtriebig verteilt und weniger nebeneinander als nebenher. Viele Menschen im Alltag und oft nicht mehr, als ein oberflächliches Erahnen eines einzelnen Lebens, bevor es als kleiner Strudel im Menschenmeer verschwindet. Es ist nur ein Wimpernschlag, der das Stadtgesicht verändert und etwas offenbart, was vorher auch schon da, nur ungesehen war.

Ein Stadtgesicht erzählt vom Geschick der Zeit, die als Künstler und Architekt Vergänglichkeit im Hier und Jetzt versteckt. Von Menschenhand gebaut und von der Zeit behütet, werden Mauern, Straßen und Fassaden von der Natur zurückerobert oder von der Witterung geebnet. Menschheitsgeschichte und Architekturepochen werden nicht vergessen, sondern im Laufe der Zeit der Ewigkeit zurückgegeben. Der Romantiker mag es sehen – wie die Vergangenheiten als efeuberankte Kleinode gelassen vergehen. 

Ein Stadtgesicht verbirgt mehr als es zeigt. Im Vorbeigehen entdeckt, einen Schritt später erst gesehen, zeigen sich Gassen, Winkel, Häuserecken hinter breiten Straßen und Glaspalästen. Es ist nur ein Wimpernschlag, der die Stadt vor Entdeckern bewahrt. Nachdem der erste Blick geworfen, das Stadtgesicht gemustert, wird ein Spiegelbild entworfen in den Köpfen vieler Leute. Das Stadtgesicht es flüstert von Geschichten und von Orten, die das Menschenleben zeichnet und wächst mit dem Mensch, der die Stadt um Gegenwart bereichert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: