Gerstenmalz

Inspiriert von einem wahren Ereignis, Namen abgeändert.

Die Sommersonne war lange nicht mehr so wenig staubig. Morgens ging sie über der Petrikirche auf und schien auf die Trümmer des Turmes. Tagsüber schlich ihr Licht über das Angesicht einer Stadt, die zwischen Asche und zerborstenem Stein müde stehen blieb. Abends versank die Sonne im Fluss und tauchte das Warnowufer in blutrotes Licht. Der Staub war abgesunken und lag als Schleier auf einer Stadt in Trümmern. Es gibt Menschen, die bauen Städte. Es gibt Menschen, die zerstören Städte. Es gibt Menschen, die bauen Städte wieder auf. 

Der Mensch ist nicht aus Stein, der zerplatzt und verwittert. Der Mensch ist zu stoisch, um einfach zu zerbrechen und in Einzelteilen liegen zu bleiben. Der Mensch ist wie eine Gänsemutter, die ihre weggekullerten Eier mit einer dickköpfigen Seelenruhe wieder ins Nest zurückholt, auch, wenn sie manchmal nur ins Leere greift. Und was der Mensch einmal als Heimat anerkennt, wird immer seine Heimat bleiben. Also ist es nicht verwunderlich, dass eine vom Krieg zerrüttete Generation einfach wieder eine Stadt aufbaut, ein Leben aufbaut, sich verliebt und eine Familie gründet. Und es ist verwunderlich, dass sie das, trotz der erfahrenen Todesangst vor Menschen, tut. 

Als die Sonne eines Sommermorgens die Trümmer des Kirchturms beschien und ihre Bahn über die müde Stadt zu ziehen begann, stand Egon Schmitt auf. Er hatte sich sein Brot so eingeteilt, dass er heute den letzten Kanten mit etwas Marmelade zum Frühstück essen konnte. Nach einer kurzen Katzenwäsche nahm er seine zerfledderte Aktentasche und ging aus der Wohnungstür. Seine halbe Kartoffelration gab er schon Anfang der Woche seiner Nachbarsfamilie. Die junge Kriegswitwe sollte davon ihren drei kleinen Kindern eine Kelle mehr auffüllen können. Wer tauschen konnte, der ging tauschen. Auf dem Schwarzmarkt war vieles für den entsprechenden Gegenwert zu bekommen. Doch wer nichts hatte, konnte nicht tauschen und war mit Glück nicht weniger beschämt als dankbar, wenn ein freundlicher Nachbar teilte. 

Auf der Straße spielten schon die drei Kinder der jungen Witwe. Lachend sprangen sie von Stein zu Stein und sagten Reime auf. „Die Olsch mit de Lücht, die die Lüer bedrücht, und de Eier halt und nicht betahlt… Guten Morgen Herr Schmitt!“, grüßten sie ihn, als Egon aus der Haustür trat. Er winkte ihnen zu. „Guten Morgen“, sagte er schmunzelnd. „Kennt ihr den schon? Suse leiwe Suse wat raschelt in Stroh? Det sind de lütten Goisings, de ham ja kein Schao.“ „Ja! Ja! Den kenn’ wir schon!“, riefen sie lachend zurück und sprangen weiter von Stein zu Stein. „…Det sind de lütten Goisings, de ham ja kein Schao.“

„Na denn man tau“, sagte Egon eher zu sich selbst und ging die Straße hoch, sein Schatten lang neben sich. Als er durch die einst so vertrauten, nun so fremden Straßen ging, viel ihm unwillkürlich eine Gedichtstrophe ein, die er mal in der Zeitung gelesen haben muss.

Die Giebel sanken nieder, / der rote Backstein brach,/ und in den alten Straßen/ die Habe brennend lag./ Die Türme waren Flammen/ bis an den Sternenrand,/ …

Er erinnerte sich nicht, wie es weiterging. Oben an der Straße bog er nach rechts und kam schließlich bei der Brauerei Tribsees an. Dort arbeitete er als Brauknecht und packte überall mit an, wo Arbeit anfiel. Er war froh über die Arbeit, konnte er davon ein Mal die Woche für 20 Pfennig ins Theater gehen.

„Guten Morgen Frau Knopf“ Egon lächelte der Sekretärin zu, die ihm gerade in der Brauerei entgegen kam. Eine junge Frau mit dunkelblonden Locken. Sie warf ihm einen schüchternen, aber freundlichen Blick zu, grüßte zurück und ging flotten Schrittes weiter. Egon sah sich zaghaft nach ihr um und ein Lächeln huschte über seine Lippen.

Den Tag über kontrollierte er immer wieder die Temperaturen in den Maischebottichen und legte neue Mäusefallen im Gerstanmalz-Lager aus. Die Nutztiere auf dem Brauereihof mussten ebenfalls versorgt werden und dem Esel an der Mühle musste alle paar Stunden ein Klaps gegeben werden, da er während der Arbeit immer wieder einschlief. Und ein schlafender Esel kann kein Malz zermahlen. Immer, wenn Egon an dem Büro der hübschen Sekretärin vorbei musste, hoffte er, dass sie die Tür offen gelassen hatte, was bei dem Sommerwetter auch meistens der Fall war. Jedes Mal wurde sein Gang dann ein wenig langsamer und jedes Mal schaute er in das Büro und sah sie am Tisch über der Buchhaltung arbeiten. Wenn sie mal aufschaute, weil sie Schritte vor ihrer Tür hörte, nickte Egon ihr lächelnd zu und hoffte auf ein Lächeln ihrerseits. Ab und zu warf sie ihm ein flüchtiges zu, ab und zu sah sie aber auch schnell wieder auf ihre Papiere zurück und manchmal konnte Egon noch erahnen, wie ein Hauch amüsierten Schmunzelns über ihr feines Gesicht huschte.

Der Arbeitstag neigte sich dem Ende. Doch bevor Egon nach Hause ging, die alte Aktentasche schon unterm Arm, ging er, unter dem Vorwand, noch einmal die Mäusefallen prüfen zu wollen, in das Gerstenmalz-Lager. Während er in der Tat gewissenhaft die Mäusefallen überprüfte, steckte er genauso gewissenhaft händevoll Gerstanmalz in seine Aktentasche. Seine Kartoffeln hatte er schon aufgebraucht und den letzten Kanten Brot gab es zum Frühstück, ganz zu schweigen von den 125 g Fleisch, die es pro Woche gab. Doch er dachte dabei nicht nur an sich. Vorsichtig um die Ecke spähend, schlich er sich aus dem Lager und ging nach Hause, sein Schatten lang hinter sich. 

Die Giebel sanken nieder,/ der rote Backstein brach,/ und in den alten Straßen/ die Habe brennend lag./ Die Türme waren Flammen/ bis an den Sternenrand,/ und wurden mit den Toren/ zu einem Himmelsbrand./ Die roten Wunden zehrten/ an deinem alten Kleid,/ sie machten es zu Asche/ und gaben Gram und Leid.

Am nächsten Morgen in der Brauerei kam Egon die hübsche Sekretärin entgegen. „Guten Morgen Herr Schmitt.“ Sie lächelte kurz. Egon strahlte sie an „Guten Morgen Frau Knopf“ Einen ungeschickten Moment warteten beide zu lange, sodass sich Egons „Sie sehen heute ganz wunderschön aus.“ mit dem „Herr Langner möchte Sie umgehend in seinem Büro sehen.“ der Sekretärin überschnitt und sein Kompliment in peinlicher Rührung unterging. Egon räusperte sich, wich ihrem Blick aus und ging nach einem zügigen Schulterstraffen ins Büro von Herrn Langner – dem Geschäftsführer der Brauerei. Herr Langner saß breitschultrig an seinem Tisch. „Guten Morgen Herr Schmitt, setzen Sie sich.“ „Guten Morgen Herr Langner, vielen Dank“, antwortete Egon und setzte sich mit Unbehagen auf den Stuhl dem Geschäftsführer gegenüber. „Wissen Sie,“ , setzte dieser an, „Gestern war ein guter Tag und ich freute mich auf einen wohlverdienten Feierabend. Als ich endlich raus kam aus der Brauerei und nach Hause zur Frau wollte, stellte ich mit Verwunderung fest, dass vor der Brauerei ein Häufchen Gerstanmalz lag. Die Verwunderung wich schnell Ärgernis, als ich mit ansehen musst, wie das Gerstemalz zu einer Spur wurde, die sich am Boden entlangzog und nicht mehr enden wollte.“ Egon wurde noch unbehaglicher und er schloss eine Sekunde zu lange die Augen. Denn ihm wurde bewusst, dass er sich undenkbar ungeschickt angestellt hatte und dass Entlassung die Konsequenz seines Vergehens sein würde. „Offensichtlich hat jemand von uns Gerstenmalz geklaut und wo dieser Jemand wohnt, konnte Dank der eindeutigen Beweislage schnell anhand der Personalbögen herausgefunden werden. Da hatte Ihre Tasche wohl ein Loch, Herr Schmitt?“ Egon sah in ein strenges Gesicht, welches ihn mit hochgezogenen Augenbrauen erwartungsvoll musterte. „Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Egon leise, aber klar. „Das wird nicht wieder vorkommen.“ Er stand auf und wollte direkt wieder nach Hause gehen. „Herr Schmitt, wer hat gesagt, Sie dürfen gehen?“ Verdutzt blieb Egon stehen und drehte sich um. „Sie sind einer meiner besten Mitarbeiter und den möchte ich nicht aufgrund eines unglücklichen Vergehens missen. Das eine Mal will ich ein Auge zudrücken, aber die Zeiten des Plünderns sind vorbei, Herr Schmitt. Sehen Sie einfach zu, dass Sie weiterhin so gut arbeiten.“ Herr Langner bedeutete ihm, nun an die Arbeit gehen zu dürfen. „Vielen Dank, Herr Langner“, sagte Egon knapp und erleichtert und verließ schleunigst das Büro. Vor der Tür blieb er kurz stehen und atmete tief durch, als die Sekretärin mit einem Stapel Papier unter den Armen auf das Büro zuging. Egon wendete immer noch peinlich berührt den Kopf ab und wollte schnell und ungesehen an ihr vorbeihuschen. Doch bevor er das schaffte, hielt ihn ein freundliches „Dankesehr“ auf. Die Sekretärin ist stehen geblieben und lächelte Egon schüchtern an. „Für das Kompliment, was Sie mir vorhin gemacht haben.“ „Keine Ursache, Frau Knopf“, sagte der verdutzte und immer noch beschämte Egon. „Ich wünsche noch einen angenehmen Tag.“, fügte er hinzu und ging rasch an seine Arbeit.

Auch, wenn Egon es an diesem Tag so oft es ging vermied, an dem Büro der Sekretärin vorbeizugehen, war sein Gemüt von freudiger Leichtigkeit erfüllt und mit dem Vorsatz, nur noch ehrliche Arbeit zu leisten und das Loch in seiner Aktentasche zu stopfen.

Als er am Abend nach Hause kam, stand vor seiner Wohnungstür eine große Schale Gerstanmalzsuppe. Er schaute sich kurz um und hörte hinter der Tür, gegenüber von seiner, fröhliches Kindergekicher und den dumpfen Schall einer liebevollen Frauenstimme. 

Die Sommersonne tauchte das Warnowufer in blutrotes Licht und wird auch Morgen wieder ihre Bahn über die müde Stadt ziehen. Über eine Stadt, die von Menschen zerstört und wieder errichtet wurde, in der Menschen leben, sich verlieben und eine Familie gründen. Denn der Mensch ist nicht aus Stein, der zerplatzt und verwittert. Der Mensch ist zu stoisch, um einfach zu zerbrechen und in Einzelteilen liegen zu bleiben. Der Mensch ist wie eine Gänsemutter, die ihre weggekullerten Eier mit einer dickköpfigen Seelenruhe wieder ins Nest zurückholt, auch, wenn sie manchmal nur ins Leere greift.

Du wunde Stadt bist müde/ und dennoch bist du wach,/ es blüht die erste Blume/ am Unterwall beim Bach./ So wird sich alles finden/ um dich und dein Gesicht,/ bald bricht aus deinem Schoße/ der alten Liebe Licht.

Gedichtstrophen aus dem Gedicht „Rostock/ Du alte Stadt“ von Theodor Jakobs

Ein Kommentar zu „Gerstenmalz

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  1. Dieser ist, genau wie jeder andere Deiner Texte, inhaltlich wie technisch ein Meisterwerk. Du bist noch so jung – was kommt da noch auf uns zu – an wundervollen Geschichten und Gedichten. Die Geschichten sind rundum ein in sich geschlossenes Ganzes; sie sind moralische Schatzgruben mit überdurchschnittlich literarischem Wert. Jeder, der in diesen „herumgräbt“, wird garantiert Edles heben, was ihm selbst – aber was auch der Zeit heute so von unvorstellbarem Wert ist. Respekt! Und danke.

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