Schneeflöckchen

Meine Oma hat mir neulich erzählt, wie sie, in der vierten Klasse, eine kleine Geschichte schrieb – über ein Mädchen und eine Schneeflocke. Diese Geschichte hat mich so berührt und inspiriert, dass ich eine eigene Version ihrer Geschichte aufgeschrieben habe. Wenn ich meine Oma nächstes Mal besuchen gehe, nehme ich ihr die Geschichte mit.

Schneeflöckchen

Der Schnee erstreckte sich bis zum Fluss, der an Frühlingstagen heiter murmelte, nun aber erstarrt und wie ein eisblaues Band zwischen den schneebedeckten Hügeln lag. Der Schnee erstreckte sich weiter bis zum Wald, der an Frühlingstagen duftend raschelte, nun aber kahl war und wie ein hölzern dünnfingeriges Labyrinth den glatten Schnee durchbrach. Der Schnee erstreckte sich bis zum Horizont, der an Frühlingstagen süße Abenteuer verhieß, nun aber erkaltet stahlblau war und wie eine scharfe Naht Himmel und Schnee verband. 

Das kleine Mädchen hauchte gegen das Fenster und malte einen Stern auf das kalte Glas. Nach und nach löste sich der Stern im Kondenswasser auf und es blieben nichts weiter als kleine Tröpfchen zurück. Wäre sie draußen gewesen, hätte sie eine kleine Wolke in die Luft pusten können. Hätte es aus dieser Wolke auch schneien können, fragte sich das kleine Mädchen. Kalt genug musste es ja sein. Sie wäre so gerne nach draußen gegangen – der Winter war ihre liebste Jahreszeit. Er war wie viele kleine, kalte Sommer, welche sich in jedem einzelnen Schneekristall spiegelten und in ihnen zu tausenden kleinen Sonnen gefroren. Ein wundersam kaltes, diamanten stilles Licht ließ die Erde dann leuchten. Es machte so viel Spaß, auf einer glatten Eisfläche zu schlittern und Schneebälle zu formen; nur wurden die Hände dabei immer zu schnell zu kalt und schließlich erkältete man sich leicht. Etwas von der Winterkälte schlich sich dann heimlich in die Nase oder den Hals und dann durfte man nicht mehr raus, sondern musste erst wieder gesund werden. Das kleine Mädchen hustete und nieste im Anschluss kräftig. 

Plötzlich tanzte ein Schneeflöckchen genau vor ihrer Nase durch die Luft. Wäre nicht die Scheibe gewesen, würde das kleine Mädchen ihren Finger nach ihr ausstrecken, oder vielleicht die Zunge rausstrecken und hoffen, sie mit ihrem Mund einfangen zu können. Ein weiteres Schneeflöckchen tanzte vor dem Fenster hinab und setzte sich von außen an das kalte Glas. Das kleine Mädchen gluckste fröhlich und klopfte gegen die Scheibe. Sie grüßte die Schneeflöckchen und freute sich, dass sie zu ihr kamen, wo sie doch nicht zu ihnen konnte. Sie presste ihr kleines, rotes Näschen gegen die Fensterscheibe, da setzte sich noch ein Schneeflöckchen an das Fenster. Das kleine Mädchen freute sich so sehr, dass ihre Augen heller strahlten, als die tausend Sonnen im Schnee. „Kommt ihr gerade aus dem Himmel?“ Fragte das kleine Mädchen die Schneeflöckchen. „Ich darf leider nicht zu euch raus.“ Sagte sie und ihre Augen büßten etwas vom Glanze ein, als sie traurig nach unten schaute. Plötzlich war es ihr, als hörte sie ein leises Flüstern und ein feines Lachen – hell wie Engelsglocken: „Komm, spiel mit uns. Komm raus zu uns und spiel mit uns!“ Erstaunt schaute das kleine Mädchen wieder auf und ein blondes Löckchen viel ihr ins Gesicht. „Spiel mit uns.“ Flüsterte es verlockend durch die Fensterscheibe. Begleitet von einem sanften Klingeln setzten sich noch mehr Schneeflöckchen an ihr Fenster. Sie tänzelten verspielt vor dem kalten Glas und schienen das kleine Mädchen zum Tanze aufzufordern. „Nein, ich darf nicht. Ich darf nicht mit euch spielen. Ich muss erst gesund werden!“ Rief das Mädchen. Doch sie war so aufgeregt und freut sich so sehr über die Schneeflocken, dass sie hinter dem Fenster umherhüpfte und einen eigenen Tanz tanzte, sich drehte und wendete und fröhlich lachte. „Ich tanze hier drinnen mit euch!“ Rief das kleine Mädchen und sah selber aus, wie ein kleines, umherwimmelndes Schneeflöckchen.

So plötzlich, wie die Schneeflöckchen aufgetaucht waren, so still und lautlos sind sie wieder verschwunden – sind unsichtbar geworden vor dem stahlblauen Winterhimmel, welcher am Horizont abrupt auf die schneebedeckte Landschaft stieß. Bis dorthin erstreckte sich der Schnee, wurde durchbrochen von einem dünnfingerigen Labyrinth, geteilt von einem eisblauen Band und legte sich schließlich sanft um ein gemütliches Haus, aus dessen Schornstein hellgrauer Rauch emporstieg. In dem Haus wohnte ein kleines Mädchen, welches immer noch jeden Tag sein rotes Näschen gegen die Fensterscheibe presste und auf die Schneeflöckchen wartete, um mit ihnen zu tanzen.

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