Der Rabe

Im Rahmen des 4. Prosawettbewerbs an meiner Uni schrieb ich eine Kurzgeschichte (meine erste), die ich gerne mit euch teilen möchte! In meinem nächsten Podcast wird sie auch eine Rolle spielen.

Der Rabe – ein Kurz-Psycho-Thriller

Gewirr. Stimmen. Blicke. Augen. Fetzen. Gespräche. Es war nur dumpfer Schall, der zu Theo durchdrang, ihn überspülte und sein Gehirn aussaugte. Wie ein träges Wellenspiel kam und ging der Schall und nahm Theos Kurzzeitgedächtnis mit. Was wurde gerade gefragt? Er versuchte, sich zu konzentrieren und schaute auf seine Aufzeichnungen, die unter seinem Blick zerflossen. Die Buchstaben liefen auseinander, ergaben keinen Sinn mehr. Theo bekam Kopfschmerzen. Leise und tief durchatmend, versuchte er sich auf die Dozentin zu konzentrieren. Er konzentrierte sich auf ihren Mund, sah, wie er sich bewegte, doch konnte nichts sinnvolles aufgreifen. In welchem Seminar saß er noch? Dieser Mund. Diese sinnlichen Lippen. Wie alt war sie wohl? Keine dreißig. Sein Blick glitt hinunter an der Dozentin, über ihren blassen Hals. Je nachdem, wo sie hinschaute, spielte und pulsierte ihre Halsmuskulatur. So ein schöner, gerader Hals. Sein Blick hangelte sich zu ihren Schlüsselbeinen. So symmetrisch und gerade, perfekt auf die Schultern zulaufend, als ob sie niemals richtig ankommen würden. Schlüsselbeine wie Asymptoten. Der Hals verschwamm. Wieder überspülte ihn Dumpfheit. Nach wenigen Sekunden klarer Fokussierung verlor Theo sich wieder in den Wogen aus Kopfschmerz und tief pochender Übelkeit. Er hoffte, dass niemandem sein Zustand auffiel; tat so, als ob er sich Notizen machte. Er saß ganz hinten und konnte sich an das kühle Fenster lehnen. Das restliche Seminar überstand er nur, weil er sich immer wieder für wenige Sekunden auf etwas fokussieren konnte. Ein federnes Rascheln zog ihn dann aus seinem dumpfen Zustand, dass es ihn leicht zusammenzucken ließ und ihm fiel ein, dass der Mund der Dozentin ihn so beruhigte. Sackte er wieder ab, weckte ihn wieder das Federrascheln und er konnte sich erneut fokussieren, sodass er nicht völlig verloren ging in dumpfem Schall und pochender Übelkeit. 

„…und einen guten Rutsch.“. Grelles Klopfen. Theo erschrak. Das Seminar war vorbei und Theo packte, so schnell es ging, seine Sachen zusammen und wollte raus, einfach raus. „Herr Kramer, warten Sie bitte!“ Er schaute sich um. Die Dozentin fing seinen Blick ein und winkte ihn zu sich. „Haben Sie noch eine Minute?“ „Natürlich“, murmelte  Theo schwach und schleppte sich zur Dozentin. Die Übelkeit begann wieder in seiner Magengrube zu pochen, diesmal nachdrücklicher. Die ersten Fragen bekam er noch mit und konnte sie irgendwie beantworten. Wie es ihm ginge? Dass er in letzter Zeit immer schlechter aussähe und er schon die letzten beiden Male keine Zusammenfassung abgegeben hätte. Theo antwortete einsilbig, konzentrierte sich wieder auf ihren Mund, denn die Übelkeit arbeitete sich langsam hoch zur Speiseröhre. Da war es wieder, das Federrascheln. Diesmal sah er sich um. Wo kam es her? „Herr Kramer?“ Langsam dreht er den Kopf wieder zur Dozentin. „…Teilnahme…Leistungen…helfen…Sprechstunde…“ Der dumpfe Schall überspülte ihn wieder, während er die Übelkeit langsam zu schmecken begann. Ihr Mund bewegte sich, war für kurze Zeit das einzige für ihn, bis die Lippen sich verfärbten; dunkel wurden, schwarz. Federn tanzten auf ihren Zähnen. Theos Speiseröhre verkrampfte. Er hielt es nicht mehr aus und rannte aus dem Raum hinaus, den Flur entlang zur Männertoilette, direkt in die erste Kabine. Er schloss nicht mehr ab, beugte sich nur vor und brach in die Toilettenschüssel, zwei, drei Mal, bis nur noch Magensäure kam. Es vergingen mehrere Minuten, bis er sich aufrappelte und zitternd zum Stehen kam. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und ging zu den Waschbecken. Er war wieder klarer, konnte wieder richtig hören und einigermaßen klare Gedanken fassen. Hatte ihm die Dozentin ihre Hilfe angeboten? „Peinlich“ murmelte sein Spiegelbild. Seine Stirn glitzerte immer noch vom Schweiß. Einige Haarsträhnen waren nass und umrahmten sein Gesicht. Er war blass. Nicht so nobel, wie die Dozentin, eher grau und fahl – ausgemergelt. Hätte er nicht den leichten Flaum auf der Oberlippe, sähe er aus wie ein Sechzehnjähriger. Theo schaute auf seine Uhr – das nächste Seminar hatte schon angefangen. Er ging den Flur entlang, doch statt in den Seminarraum zu gehen, lief er auf den Campus.

„Hey, wie lange sitzt du hier schon?“ Theo hatte sie gar nicht kommen sehen. „Du hast ja gar keine Jacke an, du Irrer!“. Er hörte das schmunzeln aus ihrer Stimme und merkte augenblicklich, wie die Kälte in seine Haut zwickte. Annika holte Theo ab und zu von der Uni ab. Sie waren seit der Schule beste Freunde und sie war der einzige Mensch, dem Theo sich richtig anvertraute. „Hey“, antwortete er schließlich und sah zu ihr auf. Sie stand noch neben ihm, wollte sich wohl nicht auf die kalte Bank setzen. „Ich habe dich heute gar nicht erwartet.“ Er wollte seinen Zustand überspielen, sah zu ihr auf und versuchte zu lächeln. Ihr Gesicht verdoppelte sich, ihre Sommersprossen zogen Fäden. Für wenige Sekunden wurde er wieder vom Schall verschluckt. Da war es wieder, das Federrascheln – glasklar und doch so weit weg. Theo schüttelte seinen Kopf, schüttelte sich frei. Die zwei Gesichter fügten sich zu einem zusammen, welches ihn besorgt ansah. „Alles gut, Theo?“ „Jaja, lass uns Mittag essen. Hattest du schon Mittag? Wir könnten in die Mensa.“ Er stand auf und ging, ohne zu warten, zum Eingang zurück. Es war ihm unangenehm. Mehr noch, er schämte sich; am meisten dafür, dass er nicht wusste, woher diese Zustände kamen. Es musst wohl immer noch am Flugabsturz liegen. Schon vor einem Jahr in der Schule war er der Außenseiter, der Freak und Psycho, dessen Eltern bei dem schrecklichen Unglück gestorben sind und er derjenige war, der überlebte und nichts weiter als eine wandelnde Leiche war. Er wurde damals in psychologische Behandlung gegeben, die seiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn hatte. Er nahm die Medikamente, manchmal zu viel, wenn er nicht schlafen konnte und Nacht für Nacht schweißgebadet aufwachte. Aber die Therapie, die Gespräche, die Hypnosen – er kam sich nur vor wie ein Experiment, welches fehlschlägt, wieder und wieder. Annika war es, die ihn durch das Abi hiefte. Sie war für ihn da, wortlos, still, aber immer an seiner Seite und verständnisvoll. Sie ermutigte ihn, sein Leben normal weiterzuführen und an die Uni zu gehen. Irgendwas von Potenzial hatte sie immer gemeint. Aber anstatt ein normales Leben zu führen, Studentenpartys zu feiern, neue Leute kennenzulernen, nahm das erste Semester schon einen furchtbaren Verlauf. WG-Castings scheiterten erbärmlich. Er wurde nirgendwo aufgenommen und wohnte nun bei seiner Tante und seinem Onkel. Und seit wenigen Wochen hatte Theo diese Anfälle, die seinen Kopf zerbarsten, seinen Magen umstülpten und ihm an seinem Verstand zweifeln ließen. 

Er schnappte sich einen Teller und ließ sich irgendwas auffüllen. Hunger hatte er nicht. Ihm war immer noch flau im Magen und eigentlich wollte er irgendwo einfach nur alleine sein. „Interessante Wahl.“ Stirnrunzelnd betrachtete Annika seinen Teller. „Komm, da hinten ist noch was frei.“ Er lief ihr hinterher. Ihr, deren Silhouette  ihnen verdoppelt und schemenhaft einen Weg bahnte. Gewirr. Stimmen. Blicke. Augen. Fetzen. Gespräche. Theos Herz pochte schneller, seine Atemfrequenz stieg an. Es waren zu viele. Zu viele Augen, die ihn auslachten und verspotteten. Zu viele Münder, die über ihn herzogen. Er, der Freak, der auf die Dozentin stand und nach ihrem Seminar verdächtig schnell zur Toilette rannte. Die Farben und Umrisse verschwammen und er verlor fast das Gleichgewicht, da hörte er das federne Rascheln – glasklar – und er fokussierte sich wieder. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Sein Blick wurde klarer und die fremden, grinsenden Grimassen wurden zu alltäglichen Gesichtern, die sich auf nichts weiter, als ihr Essen oder ihr Gegenüber konzentrierten. Nicht einer schaute Theo mehr schräg an. Er setzte sich Annika gegenüber. Bevor sie den ersten Bissen zu sich nahm, sagte sie die Worte, vor denen Theo sich schon seit Tagen fürchtete: „Theo, du machst mir wirklich Sorgen in letzter Zeit. Was ist los mit dir?“ Wissend, dass weiteres Täuschen nichts bringen würde, suchte Theo nach irgendeiner Erklärung. „Es…ist einfach ganz schön viel los in letzter Zeit. Bisschen stressig. Komme nicht so gut hinterher bei dem ganzen Stoff.“ Nach kurzem Zögern setzte er hinzu „So gehts den anderen aber auch aus meinem Studiengang.“ Annika hob eine Augenbraue. „Theo, du hast doch gar keinen Kontakt zu anderen aus deinem Studiengang.“. Schon wieder schämte er sich und sah starr auf seinen Teller. Er spürte, dass Annika sich ein wenig verkrampfte, sie schien mit sich zu ringen. „Sag’s mir einfach“ sagte sie schließlich „Nimmst du irgendwas?“ Theo stutzte „Drogen oder was?“ „Ja, naja, ich meine, die Zeichen deuten darauf hin“ versuchte sie sich zu rechtfertigen. Theos Fäuste ballten sich zusammen und sein seltsam träg-dumpfer Zustand wich aufbrausender Wut. „Du meinst, neben meinen Antidepressiva und Schlafmittelchen?“ seine Stimme triefte vor Ironie „Natürlich! Nebenbei nehme ich noch anderes Zeug. Bin ja eh schon der kranke Psycho. Da passen Drogen doch ganz gut ins Gesamtbild!“ Das Ventil war geöffnet und er zischte Annika über den Tisch an „Wenn du jetzt einen auf Freizeit-Psychologe machst, der das ja schon alles aus seinem Bekanntenkreis kennt und doch nur helfen will, dann bist du bei mir falsch! Ich will das nicht mehr. Fang du jetzt nicht auch noch damit an!“ „Theo, bitte…“ versuchte Annika einzulenken und sprach ohne Pause weiter, diesmal bestimmter „Pass auf, ich kenne das nicht von irgendeinem aus meinem Bekanntenkreis. Ich kenne das von meiner Arbeit. Die Jugendlichen dort sind teilweise so verdammt abgefuckt, dass sie sich die Pulsadern aufschlitzen. Ich will nicht, dass dir sowas passiert. Ich mache mir einfach nur Sorgen. Und ja, manche Menschen wollen wirklich helfen. Vor allem, wenn es um den besten Freund geht!“. Mit so einer Antwort hatte Theo nicht gerechnet, doch er hatte bereits dicht gemacht, ließ Annika nicht an sich ran. Er beugte sich zu ihr vor und raunte „Steck dir deine Sorge sonstwo hin!“ Mit einem Ruck stand er auf und ging raus. Sowas musste er sich nicht geben. Nicht von Annika. 

Er wollte noch nicht nach Hause, musste sich erst abreagieren und lief ziellos durch  die Straßen. Der Tag verging und es wurde schnell dunkel. Theo hatte seit dem Frühstück nichts gegessen, selbst das hatte er ausgekotzt. Sein Magen knurrte und verkrampfte sich ab und zu. Eine leichte Übelkeit begann wieder in ihm zu pochen – diesmal vor Hunger. Irgendwann beschloss er, nach Hause zu gehen. Nach Hause – das hatte keine Bedeutung mehr für ihn. Er lebte bei seiner Tante und seinem Onkel, doch sein zu Hause hatte er heute wahrscheinlich mit Annika endgültig verloren. Sein Heimweg führte ihn erneut über den spärlich beleuchteten Campus. Theos Magen verkrampfte sich wieder, diesmal stärker. Seine Beine zitterten, ihm wurde schwindelig, seine Ohren füllten sich mit Taubheit. Er hörte nichts mehr, sah nur noch schwarz Flecken, die immer größer wurden. die Welt, sie kippte. Es hörte ein letztes, fernes Federrascheln.

Theo öffnete die Augen und blinzelte grauer Helligkeit entgegen. Er war zu Hause, in seinem Bett. Seine Kehle kratzte so stark, dass er einen brennenden Hustenanfall bekam. Er sah immer nur noch Schemen und verschiedene Helligkeiten, keine klaren Bilder. Neben sich ertastete er ein Glas Wasser und trank es in einem Zug leer. Es hatte einen seltsamen Geschmack, doch das störte ihn nicht. Er genoss das kühle Nass und wie es seine Kehle benetzte. Nachdem er sich aufsetzte, erkannte er, dass seine Tante neben ihm saß. „Guten Morgen, mein Lieber.“ Sie lächelte ihn liebevoll an. „Wir haben uns gestern Sorgen um dich gemacht. Du bist nicht nach Hause gekommen.“ Ihre Stirn legte sich in Falten. „Wir sind spät Abends los und haben dich gesucht.“ Ihr Blick verfinsterte sich. „Dein Onkel musste dich nach Hause tragen. Du warst bewusstlos.“ Ihr Mund zuckte. „Hier hast du noch ein Glas Wasser, trink!“, sagte sie wieder in liebevollem Tonfall. „Na los, trink schon.“ Ungeduldig reichte sie ihm das Glas. Theo setzte an, ohne nachzudenken. Kurze Zeit fühlte er sich besser, doch dann legte sich wieder der dumpfe Schleier über ihn. Seine Tante lächelte ihn beruhigt an. „Nächstes mal reagierst du aber auf unsere Anrufe, ja?“. Ihr Gesicht verschwamm vor Theos Augen, lief auseinander und fügte sich wieder zusammen zu einer verzerrten Fratze. Er hörte wieder das Federrascheln. Sein Herz begann zu rasen, er bekam Panik, spürte kalten Schweiß in seiner Handfläche. Ihm stockte der Atem, als er sah, wie sich das Gesicht seiner Tante, Hautfetzen für Hautfetzen, zersetzte – zerpickt wurde. Er nahm all seine restliche Kraft zusammen und nach mehreren Anläufen gelang ihm ein schwaches, aber hörbares „Tante…, w…was passiert… mit mir?“ Ihr Gesicht zersetzte sich mehr und mehr. Das Federrascheln wurde immer lauter, aber er konnte noch deutlich ihre Antwort hören, woraufhin ihm der kalte Angstschweiß den Nacken hinunterlief. „Schatz, du sollst mich doch Mama nennen!“ Ihre blutige Fratze lächelte ihn an. Theo konnte nicht reagieren, sich nicht bewegen. Er spürte nur, wie ihn erneut die dumpfen Wellen überspülten, in sein Gehirn eindrangen und es unter Wasser setzten. 

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