Liebste Schwester

Liebste Schwester,

ich weiß noch, wie uns früher alle für Zwillinge hielten. Obwohl sich damals schon zeigte, dass wir unterschiedlich sind. Immerhin hattest du Locken und ich nicht. Du hattest immer rote Wängchen und ich war blass. Du wolltest immer Rosenrot sein und ich Schneeweißchen.

Als wir noch klein und süß waren, hatten wir häufig die gleichen Klamotten an – wofür wir allerdings bestimmt nicht verantwortlich waren. Wir haben uns ein Zimmer geteilt. Ohneeinander ging nicht, aber an die Kehle gehen dafür manchmal umso besser. Ein, während des Racheaktes zerbrochenes Lineal, war auch nur die Reaktion auf das schlechte Behandeln des eigenen Kuscheltieres hin.

Es gab dann und wann Kleinkrieg, ja. In anderen Momenten allerdings wurde einem die unzerstörbare Schwesternliebe wieder bewusst – sei es der plötzliche Moment des Schreckens, wenn die ältere Schwester in einen Teich fiel. Oder der Moment, in dem Helden gefragt waren, wenn die jüngere Schwester einen bedauernswerteren Blick nicht hätte haben können, weil gerade eine fette Spinne spurlos im Zimmer verschwunden ist.

Wie das nunmal so ist, wird man, wohl oder übel, erwachsen. Wir stehen uns nun bei ganz anderen Problemen und Herausforderungen beiseite. Wenn man noch irgendwo reinfällt, dann ab und an in ein Depri-Tief. Wenn man noch Angst hat, dann vor soetwas wie Verlust, Versagen und Unverständnis … und plötzlich verschwundene Spinnen.

Man entwickelt sich in verschiedene Richtungen, aber nie voneinander weg. Man unterstützt sich gegenseitig, ohne den eigenen Standpunkt zu verlieren. Und wenn doch mal einer von uns taumelt, ist die andere das Kissen, auf welches man sich fallen lassen kann – die Schwester, die immer neben dir steht.

Mit einer Schwester kann man sich sicher sein, dass man immer jemanden an seiner Seite hat, der das Beste für einen rausschlagen will – und das auch sehr gut kann. Ob als Anwältin vor den Eltern im Namen der Schwester Rechte einzufordern, Schlichterin in pikanten Situationen zu sein, oder als Co-Autorin bei Whatsapp-Nachrichten mitzuwirken – das Profil einer Schwester erfordert Flexibilität. Erfordert Mut und Leidenschaft.

Aus der kleinen Schwester wird eine kriegslüsternde Amazone, um notfalls bis zum Äußersten zu gehen. Aus der großen Schwester ein Spiegel, um wieder auf den Weg zu führen. Alles an der Seite der geliebten Schwester und alles zu ihrem Besten.

Schwesternliebe ist nicht zu vergleichen mit der Liebe zwischen einer Mutter und ihrem Kind, oder der, zwischen zwei Lebenspartnern. Schwestern lassen sich ohne Probleme los, denn sie wissen, das nichts sie trennen kann. Schwestern zicken sich gegenseitig nach allen Regeln der Kunst an, denn sie wissen, dass sie sich trotzdem lieb haben. Sie verdrehen die Augen übereinander, lassen sich gegenseitig ihre Fehler machen und ihr Glück finden. Denn sie wissen, dass sie sich in allen Lebenslagen aufeinander verlassen können. Immer. Überall. Ohne Kompromisse.

Also, liebste Schwester, lass uns Schneeweißchen und Rosenrot sein und jedem, der sich uns in den Weg stellt, einfach etwas von seinem viel zu langen Bart abschneiden!

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