Letzter Tanz

Wieder war es Mittwoch. Eigentlich wäre Sommer gewesen, aber die Natur hatte ihren eigenen Kopf, sodass Regen emsig gegen die Fenster tropfte und graue Schleier den Himmel bedeckten.

Sie setzte sich auf und schaute auf die Uhr. Wenn sie sich jetzt fertig macht, ist sie zum Kaffee bei ihrer Oma. Sie war sie selten so regelmäßig besuchen wie jetzt. Jetzt, wo sie im Heim war. Es war natürlich auch immer – sie machte sich nichts vor – ihr Pflichtbewusstsein, welches sie zu den wöchentlichen Besuchen anhielt. Doch jedes Mal, wenn sie in das Zimmer ihrer Oma trat, eroberte ein Lächeln ihren Mund. Entweder lag ihre kleine, viel zu zierliche Oma im Bett, bedeckt von einer leichten Tagesdecke und döste mit offenem Mund, schweren Lidern und den Gedanken an Orten, die nur sie allein kannte, umher, sodass eine Begrüßung sie wieder ins Hier uns Jetzt zerrte und ihr Geist erst wieder ankommen musste, bevor ihre Augen ihre Enkelin fokussieren konnten. Ein Lächeln legte sich um ihre faltigen Lippen. An anderen Tagen tippelte sie geschäftig durch ihr kleines Zimmerchen und hatte hier und da immer wieder was zu sortieren, umherzuräumen oder sauber zu machen. Sodass sie ihre Enkelin gleich mit einbinden konnte: hier ein Bild aufhängen, dort eine Wasserflasche aufdrehen und andere Kleinigkeiten, die im Alltag so schnell erledigt sind, dass man nicht darüber nachdenkt.

Sie trat aus der Haustür, hinaus in den Regen, schaute kurz in den Himmel und hielt prüfend ihre offene Handfläche in die Luft. Einen Regenschirm würde sie nicht brauchen. Sie ging die Straße hinauf, vorbei an Touristen in Wetterjacken und vorbei an lärmenden Kindern, hinein in eine überfüllte Straßenbahn und hinaus auf eine viel befahrene Hauptstraße. Leute, Lärm, Unruhe – überall.

Schließlich öffneten sich vor ihr zwei Glastüren, links die Rezeption, in der beinahe nie jemand saß, rechts die Stufen zum Flur, in dem sie sofort umgeben war von dem Geruch nach Desinfektionsmittel und Fäkalien. Die Zusammensetzung schwankte jedes mal und heute wurde zum Glück mehr desinfiziert als… . Sie musste den ganzen Flur, beleuchtet von Leuchtstoffröhren, entlang. Vorbei an mehr oder weniger liebevoll gestalteten Namensschildern, bis sie zu einer Ausbuchtung im Flur kam, in der wenige Tische standen, an denen noch weniger Menschen saßen, die ihrem langen Leben nach zu urteilen bestimmt an prachtvolleren Tafeln hätten speisen dürfen. Sie grüßte und ging noch ein wenig weiter, bis sie zur Tür ihrer Oma kam. Sie klopfte, wobei das Klopfen höchstwahrscheinlich eine nicht gehörte und überflüssige Förmlichkeit war. Trotzdem klopfte sie jedes mal wieder und trat erst danach ein. Sie musste sofort lächeln, als sie ihre Oma an dem kleinen Tisch stehen sah. Eine Keksdose war schon bereitgestellt.

Beide saßen am Tisch und wie immer erzählte sie ihrer Oma von allen Wichtig- und Nichtigkeiten, die sie die Woche erlebt hatte. Wie immer stellte sie alles humorvoll dar und bekam das erhoffte Lächeln auf dem Gesicht ihrer Oma zu sehen. Und wie immer schickte ihre Oma sie viel zu früh wieder nach Hause.

Vor dem Abschied sah sie sich kurz im Spiegel an, der neben der Tür an der Wand hing – glatte Haut, kräftige Augen, dunkles Haar, hochgewachsen. Sie wendete sich von ihrem Spiegelbild ab und reichte ihrer Oma die Hand und sah sie lächeln – ein faltiges Gesicht, fast wächsern, schmal Lippen und – da waren sie: die Lachfalten um die ausgeblassten Augen, die schon zu viel von dieser Welt gesehen hatten. Sie winkten sich zum Abschied.

Da war sie wieder in dem kahlen Flur, trat durch die Glastüren und hinaus in den Regen.

Was sind Alter und Tod ungerecht. Entweder kommt der Tod zu früh, oder das Alter bleibt zu lange. Die Vorstellung allerdings, dass sich Tod und Alter die Hand reichen und zu einem letzten Tanz bitten, hat eine bizarre Schönheit, die Ausdruck auf einem friedlichen Gesicht finden mag, nachdem ein süßer Schlaf die Seele mit Träumen aus dem Körper lockte.

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