Hinsehen

Aufgrund jüngster Ereignisse wurde mir wieder klar, wie flüchtig man seine Umgebung und die Menschen in ihr wahrnimmt, oder überhaupt ansieht. Da kam mir ein älterer Text von mir in den Sinn, in dem mir eine Person auffällt und ich sie genauer ansehe:

Ich fahre hier jeden Tag zwei bis drei mal Metro. Anders geht das gar nicht, wenn man was von Brüssel sehen will. Ich war also auf dem Rückweg und stieg in die Metro ein. Die typische Parallel-Welt-Atmosphäre umfing mich. Es geht bestimmt nicht jedem so, aber ich finde, das Leben spielt hier in einer anderen Frequenz.

Ich setzte mich also auf einen der beige-braunen Kunststoffsitze.

Sie saß mir gegenüber. Ich hatte also, wie so häufig, keinerlei Beinfreiheit und saß sehr gerade, um möglichst viel Freiraum zu behalten.

Sie war nicht älter als ich und schaute mich nur flüchtig, wenn überhaupt an, was mir mehr als Recht war. Wenn ich eins nicht ab kann, dann intensives Mustern durch bohrenden Augenkontakt.

Sie wirkte leicht reserviert. Aber vielleicht war das auch nur eine Interpretation meinerseits, in der ich mich selbst wiederfand – wie es Interpretationen nur all zu häufig an sich haben.

Ihr streng nach hinten gebundener Dutt ließ sie eher stilvoll denn streng wirken. Sorgfältig gebunden, aber nicht ohne einen Funken sympathischer Unperfektion hochgesteckt.

Ihr ovales Gesicht wies kaum eine Hautunebenheit auf, was wohl auch ihrer Kunst des Make-up Auftragens zu verdanken war. Der auslaufende und etwas zu dick aufgetragene Lippenstift raubte, zusammen mit den künstlichen Wimpern, etwas ihrer natürlichen Schönheit. Ihre vollen Lippen tendierten zu einem Schmollmund, der einen bockigen Zug aufwies und ihr etwas ungewollt trotziges verlieh.

Ich weiß nicht, inwieweit sie eitel war, ich sah sie ja zum ersten und mit großer Sicherheit auch zum letzten mal. Doch sie strahlte eine Art reservierte Eleganz aus. Und ein Wissen um ihr stilvolles Äußeres war ihrer Haltung anzusehen.

Sie hatte Ohrlöcher, aber trug keine Ohrringe. Ich überlegte, ob das nun ihren Hals betonte, oder ihrer Eleganz etwas abtrug.

Ich holte meine Kopfhörer raus und setzte sie mir auf, bemüht, meine Haare dabei nicht zu verwuscheln. Meine Haltestelle kam und ich musste aussteigen. Die Metro fuhr weiter.

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