Traumtanz

Es ist noch dunkel, aber nur, weil die Vorhänge noch zugezogen sind. Sie halten das Licht fern. Es ist schon fast Mittag.

Der Körper noch schwer von der Nacht, setzt sie sich auf. Die Haare zerzaust, das Make-Up verschmiert, die Augen trocken. Sie taumelt noch ein wenig vor Schlaftrunkenheit, als sie sich auf ihre Füße stellt. Ein tiefes Einatmen weitet ihre Lunge.

Sie stapft zum Fenster, zieht den Vorhang zurück und blinzelt in den Tag. Die Helligkeit brennt in ihren Augen und ein Stechen durchzuckt ihren Kopf.

Sie erinnert sich an den Traum. Er fühlte sich so echt an. Wieder so ein intensiver Traum, während dem man alles körperlich zu spüren scheint – bei dem man für Sekunden nach dem Aufwachen denkt, er sei wahr.

Sie ist immer noch verwirrt. Solche Träume verliehen ihren letzten Nächten Unruhe, ließ auch ihr Unterbewusstsein zu viel nachdenken. Die Nächte gaben ihr mehr zu denken, als die Tage. Die Tage brachten Sorgen, die Nächte fanden Umgang mit ihnen.

Wäre die Nacht ein Mensch, wäre sie eine wunderschöne, weise Frau, dachte sie sich. Eine Frau, die wissend lächelt und deren Augen einem Spiegel zur eigenen Seele glichen.

Häufig scheinen Träume einem eigene Wesenszüge aufzuzeigen, die man sich nicht zugetraut hätte. Vor denen man vielleicht sogar Angst hat. Neigt sich der Tag, verblasst das Licht mitsamt seines moralischen Zeigefingers und die Nacht offenbart einem auf ihre subtile Weise eigene Sehnsüchte, Verlangen und Wünsche.

Die Nacht scheint nicht den Verstand anzusprechen. Es sind eher Intuition, Emotionen und vielleicht sogar klägliche Reste des urmenschlichen Instinktes, wenn nicht sogar des tierischen Triebes, die durch nächtliche Saiten erklingen und einem Lieder spielen. Das ursprünglichste unseres Seins, die Tiefen unserer Seele erwachen in der Nacht. So scheint es manchmal…

Sie bemerkte, dass ein Teil von ihr tatsächlich das machen wollte, was sie geträumt hatte. Aber da sah sie sich schon den moralischen Zeigefinger des Tages erheben und verwarf den Gedanken wieder. Es war nicht richtig. Oder zumindest könnte sie es nicht vertreten, weder ethisch, noch moralisch. Der Tag zeigt ihr wieder, was richtig ist. Der Tag bringt Licht ins Dunkel und lässt die Klänge der Nacht verbleichen.

Sie ging ihren Geschäften nach und konnte sich bald nicht mehr an ihren Traum erinnern. Sie spürte nur, wie Tag für Tag ein inneres Drängen sie in andere Richtungen trieb – gedanklich, intuitiv. Sie war auf der Suche, aber wusste nicht, wonach. Sie wurde innerlich immer unruhiger. Sie wollte alles richtig machen, aber sie träumte.

Die Nacht spielte ihre Lieder, der Komponist ist der Träumer. Der Träumer in jedem von uns. Eigene Schattenseiten nehmen Gestalt an und tanzen ihren Tanz. Einen Tanz, der mit der aufgehenden Sonne aus dem Rhythmus gerät.

Es war noch dunkel, aber nur, weil die Vorhänge noch zugezogen sind. Der Tag hatte Einzug gehalten. Die Nacht zog sich zurück, doch hinterließ eine Erinnerung an einen Traum…

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