Salzige See

Sie hatte sich wieder dazu entschieden, an den Strand zu fahren. Es war nicht das entsprechende Wetter dafür – der Nebel sprenkelte ihr ins Gesicht, so dick war er. Der Wind stürmte übers Wasser, wie es typisch für die See war, die sie so liebte. Sie setzte schon gar nicht mehr die Kapuze auf, würde sie beim nächsten Windstoß sowieso wieder hinuntergerissen werden. Auch in den kahlen Bäumen fand der Wind keinen Widerstand, mit deren Ästen er sein Spiel trieb.

Möwen bewegten ihre Flügel kraftvoll – nur, um nicht vom Wind zurückgestoßen zu werden. Sie flogen tief über den aufgewühlten Wellen. Von Sonne und anderen Menschen weit und breit nichts zu sehen. So trostlos die Landschaft auch war, fühlte sie sich an der See immer frei, konnte das salzige Heil spüren und ihre verwirrenden Gedanken hinfortwehen lassen. Schließlich blieb sie stehen– so lange, bis sie das Meeresrauschen vollständig in sich aufgenommen hatte.

Die feuchte Seeluft einatmend, erinnerte sie sich an jenen heißen Sommertag. Es war gar nicht so lange her, als sie durch goldene Felder ging, ganz und gar glücklich war – mit ihm. Sie spürte noch ganz genau seine warme Hand, wie sie nach ihrer griff. Sah detaillierter denn je die Lachfalten um seine Augen. Konnte den Schmerz nicht unterdrücken, der ihr jetzt die gewitzte Vorfreude in seinem Gesicht bereitete – damals war es einfach Glück, welches sie erleben durfte.

Es war der letzte Abend, den sie zusammen verbrachten, bevor er gehen musste. Damals sollte es noch nicht der letzte für immer sein. Der Abschied glich eher einem Versprechen, worüber sie sich freute, hielt er doch immer das, was er versprach. Als dann der Anruf kam, gab es kein Versprechen mehr – denn nur lebende können ihre Versprechen halten.

Eine Träne floss über ihre Wange, die sofort vom eisigen Wind weggeweht wurde. Der Schleier vor ihren Augen wurde dichter, glich einer kleinen, heißen See für sich. Sie presste ihre Augen zu und hing für einige Augenblicke der bitteren Erinnerung hinterher.

Bald hatte sie das Meeresrauschen vollständig in sich aufgenommen, bald hatte der Wind ihre Erinnerungen hinfortgeweht. Sie ging wieder zurück, hörte die Möwen kreischen, sah den Wind mit den Bäumen spielen, spürte die Sprenkel des Nebels in ihrem Gesicht. Ein letztes mal wandte sie sich der See zu, die sie so liebte.

Einen anderen Weg nehmend wollte sie mit all dem abschließen.

Doch die salzige See wartete auf ein Wiedersehen.

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